Pflegealltag

Stunk, Streit und Stolz – Konflikte im Pflegealltag

Das Bild der Kinder und Enkel, die sich liebevoll um ihre pflegebedürftigen Eltern und Großeltern kümmern und bei diesem Pflegeverhältnis noch einmal zusammenwachsen, entspricht nicht immer der Realität. Die Aufgabe, jemanden pflegen zu müssen, ist nicht nur mit einer hohen Verantwortung verbunden, sondern bedeutet auch großen körperlichen und psychischen Stress. Nicht selten sind die Pflegepersonen überfordert, wissen nicht, wie sie bestimmte Dinge anpacken sollen oder wie sie am besten auf die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen eingehen. Schnell können dabei Missverständnisse und Konflikte entstehen, die zum Teil ungelöst bleiben und sich verhärten können.

Konflikte und sogar in aggressives Verhalten sind ein oft verschwiegenes Problem im Pflegebereich und lassen sich auf beiden Seiten, bei den Pflegebedürftigen und bei den Pflegenden, auffinden. Die Ursachen sind verschieden und meistens gibt es keinen wirklichen Anlass als eine Überforderung in der Aufgabe oder eine Unzufriedenheit mit der Lebenssituation. Doch Streitereien machen den Alltag noch schwerer als er ohnehin schon ist und müssen aus diesem Grund unbedingt beseitigt werden. Eine ehrliche Einschätzung der Ursachen und Hilfe von außen können dabei viel bewirken.

 

Pflegebedürftige als Konfliktverursacher

Neue Situation

Nicht selten kommt eine Pflegebedürftigkeit plötzlich und entsteht nicht langsam aufgrund des Alters oder einer Krankheit. Die Umwelt verlangt von den Betroffenen nun, dass sie sich am besten sofort an ihre neue Situation anpassen und sich Alltag schnellstmöglich zurechtfinden. Doch der Schritt von der Unabhängigkeit, in der man seinen Alltag selbst bestimmen konnte, hin zu einem Leben, in dem man immer jemandem um Hilfe fragen muss, ist ein schwerer. Schnell fühlt man sich bevormundet und glaubt, man hat nun gar keine Freiheiten mehr. Demnach ist es nahezu verständlich, wenn der Pflegebedürftige sich unwohl mit der neuen Situation fühlt und schnell launenhaft wird. Meistens gilt die Wut dem Schicksal, nicht dem Pflegenden, der diese nur leider abbekommt.

 

Depressionen und Einsamkeit

Eine Folge der plötzlichen Pflegebedürftigkeit können Depressionen sein. Besonders Menschen mit einem sogenannten Dickkopf und einem starken Willen leiden darunter, wenn ihnen das Schicksal ihre Freiheit auf einmal genommen hat. Doch auch wenn der Weg in die Pflegebedürftigkeit langsam vonstattenging, können Depressionen aufkommen. Viele Patienten fühlen sich einsam, sind unzufrieden mit ihrem Leben oder haben Angst, dass sich der Gesundheitszustand verschlimmert. Sie werden launisch und schnell reizbar und verlieren die Freude am Leben. Die einzige Person, die sie regelmäßig sehen, ist der Pfleger, beziehungsweise die Pflegerin. Sie ist somit die einzige Möglichkeit, seinen Wut Luft zu lassen. Zudem auch die einzige Person, die etwas falsch machen könnte, wodurch sie oft zur Hauptschuldigen gemacht wird.

 

Krankheiten als Ursachen

Es gibt Krankheiten, bei denen werden die friedlichsten Menschen zu streitsuchende und sogar aggressive Personen, von denen man sich schnell entfernt. Alzheimer ist eine der typischen Krankheiten, bei der der Patient im fortschreitenden Stadium unsicher und deshalb misstrauisch und aggressiv wird. Doch auch andere neurologische Erkrankungen können den Pflegebedürftigen schnell reizbar machen.
Eine weitere medizinische Ursache, die ein typisches Konfliktpotenzial darstellt, sind chronische Schmerzen. Schmerzen sind nicht schön, das weiß jeder. Unser Urinstinkt macht uns aus Überlebensgründen bei Schmerzen ungeduldiger und konfliktgeladener. Aus diesem Grund ist es durchaus nachvollziehbar, dass bei Patienten mit chronischen Schmerzen eher Konflikte entstehen, als bei gesunden Menschen.

Pfleger in der Verlegenheit

Mit dem Job überfordert

In Deutschland gibt es ein Pflegekräftemangel, das ist nicht neu. So kommen auf 100 freie Stellen nur 46 Pflegerinnen und Pfleger. In den nächsten Jahren wird die Arbeitssituation für die Pflegekräfte nicht besser, da wir in einer alternden Bevölkerung leben, die jedoch eine immer höhere Lebenserwartung aufweist. Die Folgen des Pflegemangels spüren die Pflegerinnen und Pfleger am meisten: Überstunden sind der Normalfall, Stress und Druck führen zu einer Überarbeitung, Depressionen und häufigeres Kranksein. Dauerstress führt aber auch zu einer gesteigerten Gereiztheit und einen rauen Ton. Wenig Geduld und Verständnis aufgrund des gesteigerten Drucks werden häufig an den Patienten ausgelassen. Der raue Ton wird von dem Pfleger oft selbst nicht wahrgenommen, sodass sich die Patienten schnell beleidigt fühlen. Kleinere Wünsche und Hinweise werden unter Stress sehr persönlich genommen, wodurch Konflikte entstehen. Im schlimmsten Fall fühlt sich der Pfleger in seinem Stolz verletzt und glaubt, dass seine Arbeit nicht anerkannt wird. Bewusste Streitsuche und Vernachlässigung eines Patienten könnten die Folge sein.

 

Kommunikationsprobleme

Doch auch eine schlechte und falsche Kommunikation kann zu Konflikten und respektlosem Verhalten gegenüber dem Patienten führen. Pflege ist eine sehr intime Aufgabe, ohne gegenseitigem Vertrauen ist sei nur halb so gut. Doch nicht immer stimmt die Chemie zwischen dem Pflegebedürftigen und dem Pflegenden. Je höher die Pflegestufe, desto wichtiger ist ein Einfühlvermögen und eine richtige Kommunikation. Insbesondere, wenn dem Patienten aufgrund einer Krankheit das Sprechen schwer fällt, oder, wie bei Alzheimer, Kommunikationsfunktionen eingestellt werden. Schnell entstehen Missverständnisse, die zu Konflikten und ruppigem Verhalten führen können. Auch ein Pfleger ist nur ein Mensch und kann nicht jeden verstehen oder sich in jede Person hineinversetzen.

 

Konflikte lösen – In Ruhe pflegen

 

Den Pflegekräften entgegenkommen

Entlastetes Pflegepersonal wäre ein großer Schritt, um eine ausgeglichene Atmosphäre in die Pflegeeinrichtungen zu bringen. Beide Seiten, sowohl die Pflegebedürftigen, als auch die Pflegenden, würden von mehr Pflegekräften profitieren. Entlastetes Personal bringt Ruhe mit, behält eher die Nerven und hat auch Zeit auf besondere Bedürfnisse der Patienten einzugehen, sodass auch diese sich wohl fühlen. Zudem können mehr Pflegerinnen und Pfleger ein intensiveres Verhältnis zu ihren Schützlingen aufbauen, wodurch eine verbesserte Kommunikation entstehen kann. Für die Attraktivität der Pflegeberufe ist allerdings die Politik zuständig. Besonders Angehörige, die ein Familienmitglied zu Hause pflegen, brauchen Unterstützung und Entlastung bei der Pflege. Meistens scheitert eine professionelle Hilfe an der finanziellen Komponente.

 

Konflikte lösen mit Hilfe von außen

Herrscht nun ein akutes Kommunikations- oder Konfliktproblem zwischen einem Pflegendem und einem Pflegebedürftigen, ist es oft sinnvoller entweder die Heimleitung um Hilfe und Rat zu fragen oder auch einen externen Streitschlichter hinzuzurufen. Speziell ausgebildete Mediatoren helfen in solchen Situationen, in dem sie auf eine psychologisch wertvolle Art vermitteln und meist kleinere Streitursachen schnell beseitigen. Der Vorteil an externen Personen ist ihre Unabhängigkeit zum Thema. Wenn jedoch alles nichts hilft, sollte eine Partei die Station wechseln, sodass sich beide Personen künftig aus dem Weg gehen.

 

Probleme in der häuslichen Umgebung

Streitigkeiten und Aggressionen im häuslichen Umfeld entstammen meistens einer Überforderung des Pflegenden oder einer Vereinsamung des Pflegebedürftigen. Hierbei muss externe Hilfe unbedingt gesucht und angenommen werden. Beide Parteien wird es gut tun, sich auch einmal weniger zu sehen, beziehungsweise etwas mit alten Freunden zu unternehmen. Doch auch ein Psychologe oder ein Mediator kann wieder Frieden ins Haus bringen, besonders wenn es sich um Depressionen oder tiefgreifende Konflikte handelt. Wichtig dabei ist, dass sich mit den Problemen auseinander gesetzt wird und diese nicht unter dem Teppich gekehrt werden. Konflikte und Aggressionen haben eine Ursache, die behoben werden können und müssen. Nur in einem fürsorglichen und angenehmen Klima kann eine effektive Pflege betrieben werden, in dem alle Beteiligten einen lebenswerten Alltag führen können.

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